Alcarràs Filmstill
Foto: Heimatfilmfestival Freistadt

Alcarràs

Die Familie Solé hält sich jeden Sommer auf ihrer Pfirsichplantage in Katalonien auf, womit sie ihr Geld verdienen. Es könnte aber die letzte Ernte sein, da ihnen die Zwangsräumung droht, damit anstelle der Plantage eine Solaranlage installiert werden kann.

Die Sorgen der einzelnen Personen werden dabei immer und immer größer und das Konfliktpotential unter den Familienmitgliedern schaukelt sich ebenso immer höher. Die dargestellte Familie besteht dabei aus dem Leiter der Plantage, dem Vater, seiner Frau, den Großeltern und drei Kindern sowie etlichen Verwandten.

Viel Substanz mit wenig Entwicklung

Diese große Aufstellung an Personen hört sich nun eventuell komplex und unverständlich an, aber selten hat es ein Spielfilm geschafft, eine Familie so authentisch aufzubauen und die zwischenmenschlichen Beziehungen auch so beizubehalten. Eine Erzählung in Akten wird man hier definitiv nicht finden. Viel mehr labt er sich an den verschiedenen Dynamiken, die dem Ganzen einen sehr dokumentarischen Charakter verleihen. Das Schauspiel sitzt dabei immer perfekt, in jedem Moment kauft man ihnen, von den kleinen Kindern bis hin zur älteren Besetzung, ihre Rollen ab.

Dass er für viele als langweilig wahrgenommen werden kann, ist aber auch äußerst nachvollziehbar. Bis zum Schluss fühlt es sich an, als würde man einen Wettlauf am Stand veranstalten. Das ist aber in diesem Fall keineswegs negativ gemeint. Denn in der Nachvollziehbarkeit der Charaktere liegt hier die Kraft.

Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit

Alcarràs Filmstill
Filmstill aus Alcarràs; Foto: berlinale.de

Die Kinder, die Jugendlichen, die Erwachsenen und die Alten. Alle haben hier große Überschneidungen in ihren Zielen. Und doch liegen so viele Meinungsverschiedenheiten in der Luft. Der Film kann dabei metaphorisch für jeglichen Generationenkonflikt stehen.

Die Kinder, die leben in der Gegenwart. Sie finden in allem ein Spiel, können schnell traurig und vergrault werden, was im nächsten Moment aber auch schon wieder verflogen ist. Das wird hier vom gefühlvoll dirigierten Kindercast repräsentiert. Die Jugend, die denkt an die Zukunft, verliert dabei aber immer wieder die Gegenwart aus den Augen. Die Erwachsenen – hier der Vater und Inhaber der Plantage – denken an die Vergangenheit. Und die Alten, die leben dann dort, im Vergangenen.

Veränderung will so oft nicht wahr und ernst genommen werden. Und das wird auch genauso veranschaulicht. Denn die Gefahr – der Bau der Solarpaneele – wird so gut wie nie im Film gezeigt. Niemand will es wahrnehmen, bis es am Ende wohl doch zu spät sein wird…

Kreuz und quer und Ignoranz dazwischen

Die Dialoge sind dabei immer durcheinander. Selten wird ein Fokus auf einen Satz gelegt. Meist sitzt die Familie zu Tisch und ein jeder spricht drauflos. Das, kombiniert mit der oft bewegenden Kamera führt zu etlichen nachvollziehbaren und gleichzeitig stressigen Momenten. Wenn dann aber daraufhin wieder ein statischer Shot mit kaum oder gar keinen Worten folgt, bekommt man auch gleich wieder Luft zum Atmen. Mit diesem Pacing geht es so voran, in seinem Stillstand. Mit Ignoranz, Impulshandlungen, Tränenausbrüchen und enttäuschten Kinderblicken wird man so in eine Welt transportiert, die dabei gar nicht spezifisch auf spanische Pfirsichbauern gesehen werden sollte.

Ruhe und Sturm

Alcarràs erzählt vieles im Subtext. So sitzen sie beispielsweise alle einmal beisammen, lachen und schauen ihren Kindern bei einer selbst choreografierten Show zu, während sich draußen ein Sturm aufbraut, den ausgerechnet nur der Vater wahrzunehmen scheint. Und das Wahrnehmen ist es, was das Publikum hier braucht, um fast schon eine Therapie zu erfahren.


Alcarràs Poster

Alcarràs

Regie: Carla Simón
Kamera: Daniela Cajías
ES/IT 2022, 120 Minuten


Festival Der neue Heimatfilm

24. – 28. August 2022

www.filmfestivalfreistadt.at

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Macht mal dies, mal das. Manchmal kommt dann dabei sogar Design, Filmografie oder was Geschriebenes raus.