Festival „Der Neue Heimatfilm“: Was kostet die Welt?

Stell dir vor, du lebst auf einer kleinen Insel. Deine Familie ist hier schon seit Jahrhunderten, die hektische Welt da draußen betrifft dich nicht, ihr habt eure eigenen Regeln. Und dann kauft plötzlich jemand von außerhalb das Grundstück neben dir. Und noch eines, und noch eines, … bis ihm ein Drittel der Insel gehört. Das was will dieser Milliardär hier? Bettina Borgfeld zeigt in ihrer Dokumentation, wie schnell das friedliche Gleichgewicht in einer Gemeinschaft kippen kann, wenn viel Geld im Spiel ist.

Die britischen Kanalinseln sind nicht nur landschaftlich sehr speziell. Viel Natur, viel Nebel, immer feucht. Gewiss romantisch und mit Charme, aber nicht für Jedermann. Auch rechtlich sind die 14 Inseln was besonderes. Als Reste des historischen Herzogtums Normandie gehören sie nicht zum Vereinigten Königreich, sind keine Kronkolonie und waren auch nie Teil der EU. Sie gehören direkt der Krone und regiert wird durch ein System an Seigneurs (Kronvasallen), Tenants und einem eigenen kleinen Parlament, dem Chief Pleas. Diese feudale Lehenswesen hat sich seit 1565 erhalten und auch gut etabliert – bis die neue Nachbarn kamen.

Erst kauften zwei Milliardäre fast die komplette (noch kleinere) Nachbarinsel und errichteten dort ein Luxushotel. Danach folgten weitere Käufe. Eigentlich dürfte jede Person maximal zwei Grundstücke auf der Insel besitzen, denn mit jedem Grundstück gibt es eine Stimme mehr im Inselparlament. Doch gegen diese alte Regel wurde erfolgreich bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geklagt und gewonnen. Denn das Recht auf Eigentum ist ein Menschenrecht und die InselbewohnerInnen mussten ihre Rechte und Gesetze anpassen – eine Zwangsdemokratisierung.

Nach und nach fanden die neue Nachbarn willige Verkäufer, Geld war ja nie ein Problem. Und so gehörten ihnen bald die vier der sechs Hotels, einige Geschäfte und viele Wiesen und Weiden auf denen die Schafe und Kühe der Einheimischen weideten. Doch als die neuen Nachbarn einen Hubschrauberlandeplatz bauen wollten ging das manchen zu weit. Es formte sich Widerstand. Wer braucht soetwas auf einer Insel mit 5,5 km², 600 Menschen, einige Traktoren und keinem einzigen Auto?

Mittlerweile zum größten Arbeitgeber der Insel avanciert, versuchten die Neuen, eigene Vertreter ins Inselparlament wählen zu lassen. Die Strohmänner gewannen jedoch kein einziges Mandat. Also wurden am nächsten Tag direkt alle Hotels geschlossen, die Belegschaft entlassen. Ein Spiel das sich noch einige male wiederholen sollte. Klagen und Gegenklagen, Spionagevorwürfe, wöchentliche Flugblätter beider Seiten mit Unterstellungen und diversen Anschuldigungen – ein politisches Amt auf der Insel auszuüben war nicht mehr so einfach wie früher. Manche Kämpfen weiter, manche haben schon aufgegeben.

Die idyllische Insel ist die beschauliche Kulisse für einen erbitterten Kampf um Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit. Der Film zeigt eine bisher unbekannte Form der Gentrifizierung, wirft Fragen auf nach der sozialen Verantwortung und beleuchtet Schlupflöcher der Finanzindustrie.

Was kostet die Welt
Regie Bettina Borgfeld
Kamera Bettina Borgfeld, Marcus Winterbauer, Börres Weiffenbach
DE 2018, 2018 | 91 min

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photographer, designer, journalist

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