Crossing Europe 2021: La Mort de Guillem / The Death of Guillem

Carlos Marques-Marcet zeigt uns ein Spanien in den frühen 90ern, ein Land, welches kurz vor den Wahlen steht und der Kampf gegen den Neonationalismus an der Tagesordnung steht. Inmitten dieser hochpolitischen Zeit wird Guillem Agulló von einer Gruppe aus Neonazis ermordet. 

Basierend auf eine wahren Begebenheit verfilmt der Filmemacher Carlos Marques-Marcet die Geschichte der Familie Agulló. Der Film beginnt im Jahre 1993 am gemeinsamen Esstisch der fünfköpfigen Familie, wo über alltägliche Dinge gequatscht und auch der anstehende Campingausflug besprochen wird. Guillem, der einzige Sohn, fährt diesmal mit seinen Freunden alleine Campen und nicht wie immer gemeinsam mit seiner Familie. Der Sohn ist politisch in antifaschistischen Gruppierungen aktiv und unterstützt die katalanische Unabhängigkeit. Während die restliche Familie wie gewohnt campen fährt, wurde Guillem Opfer eines neofaschistischen Angriffes und starb durch einen Messerstich in die Brust.


Die Berichterstattung und auch der Staat weigern sich dies als eine politische Tat anzusehen. Die Familie, jedoch an vorderster Front der Vater, kämpfen darum, dass ihrem Sohn hier Gerechtigkeit geschieht. Immer klarer wird, dass der Tod von Guillem auch die Gesellschaft in Spanien spaltet. Die Linken sozialisieren sich und fordern Gerechtigkeit und die Rechten versuchen das Ganze, als eine fatale Folge eines Streites zu vertuschen. Über drei Jahre dauerte der Prozess, was für die Familie nur sehr schwer tragbar war – der Vater steigerte sich immer weiter in die Suche von Beweisen und konnte seine Rolle in der Familie nicht mehr übernehmen. Die Mutter, die nun sowohl ihre und auch die Aufgaben des Vaters übernehmen musste, zerbricht beinahe an der überfordernden Aufgabe. Die beiden Schwestern versuchen so weit es geht mit der Trauer über den Tod ihres geliebten Bruders fertig zu werden, was nicht einfach ist, wenn ihr Haus immer wieder mit rechten Parolen beschmiert wird und ihre Fenster mit Steinen eingeschlagen werden.


Mithilfe von Fernsehberichten und Zeitungsmeldungen wird der Film doch sehr real und schnell ist einem bewusst: es handelt sich hier nicht nur um eine fiktive Geschichte, die an irgendein Ereignis angelehnt ist, sondern eine wahre Begebenheit ist. Sehr sachlich und nüchtern wird in diesem Politthriller auf die Tatsache hingewiesen, dass auch in Spanien eine vollkommene Aufarbeitung der Geschichte rund um die Gewaltherrschaft von Francisco Francos noch lange nicht stattgefunden hat. Carlos Marques-Marcet setzt die Sequenzen der tatsächlichen Berichterstattung gezielt ein, um auch die Rolle der Medien bei diesem schrecklichen Ereignis klar darzustellen.


Mich prägte der Film sehr, vor allem da ich mich mit der spanischen Geschichte rund um den Faschismus bis jetzt nur sehr wenig auseinandergesetzt habe und kaum eine Idee hatte, was dort in den letzten Jahren so abgegangen ist. Das ist das Gute an dem Film von Carlos Marques-Marcet, er schafft es, zu motivieren, sich abgesehen von dem Film noch weiter mit der doch sehr wichtigen Materie zu beschäftigen und so weiter über den Tellerrand zu schauen. So kann ich den Film nur an alle wärmstens empfehlen.

La Mort de Guillem / The Death of Guillem
Carlos Marques-Marcet
Spanien 2020
95 Minuten
Katalanisch / Spanisch
OmeU
www.crossingeurope.at

 

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geschrieben von

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