Crossing Europe 2021: TOTTUMISKYSYMYS/Force of Habit

Force of Habit – der Film mit dem das Crossing Europe in eine ganze Woche Filmprogramm gestartet ist und von welchem ich mir auch aufgrund des Trailers am meisten erwartet habe. Es ist ein Spielfilm, der aus verschiedenen Rollen und Positionen das Thema Sexismus bzw. Feminismus aufarbeitet. Ein sehr relevantes und auch brenzliges Thema hinsichtlich der Meinungsverschiedenheiten je nach Filterblase, die sich da auftun. Ich war sehr gespannt, weil ich mir erhofft hatte, dass das Thema umfassend und differenziert aufgearbeitet wird, wurde jedoch dann etwas enttäuscht.

Der Film startet mit einer Szene von einer jungen Frau im Bus, die von zwei Typen blöd angemacht wird. Die Lage spitzt sich von schlüpfrigen Bemerkungen über ihr Outfit über Partyeinladungen bis hin zu Spott und körperlichen Angriffen (Festhalten, nicht aussteigen lassen) zu. Die Frau entkommt aus dem Bus, nachdem ihr auch keiner der Mitfahrenden Hilfe geleistet hatte und kommt zu spät in die Schule.

Die darauffolgenden Sequenzen zeigen die Geschichten anderer Frauen: Eine wird im Café am Po angegriffen, eine Schauspielerin spielt die Rolle der Vergewaltigten, eine weitere Frau ist im Gerichtsprozess gegen ihren Vergewaltiger, eine Teenagerin wird nachdem sie oft Nein gesagt hat trotzdem bedrängt und einer widerfuhr vor Jahren auf einer Betriebsfeier sexuelle Belästigung.

Manche dieser Geschichten zeigen nur die bedrückenden Geschehnisse und durch Close-Ups die Gefühle der Betroffenen, während in anderen Rahmenhandlungen der Dialog und auch (arbeits)rechtliche Blickwinkel beleuchtet werden.

Grundsätzlich soweit gelungen; man sieht die verschieden Abstufungen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, man hört Debatten und auch die Meinung der Männer und jener Frauen, die finden, die Me-Too Bewegung gehe zu weit. Die Dialoge sind großteils authentisch und ab und zu mit gutem Schmäh, der im Publikum zu Lachern führt.

Aber dabei geht der Film leider doch wieder vor, wie man es bereits von vielen Werken kennt, die das Thema Frauenrechte öffentlichkeitswirksam aufwickeln wollen – irgendwie einseitig und polarisierend. Und das finde ich persönlich sehr schade. Natürlich wirkt ein Film dann nicht so drastisch und es war ziemlich sicher auch nicht das Ziel der RegisseurInnen, dass auch Gegenbeispiele gezeigt werden. Aber ich finde, besonders bei solchen Debatten sollte man differenzierter vorgehen und nicht eine Sichtweise prominent ins Licht rücken – auch allein deshalb, um glaubwürdiger zu sein und zum wirklichen Nachdenken anzuregen.

Viele der vorkommenden Argumente, die eine Frau nicht in die Opferrolle bzw. den Mann in die Täterrolle gesetzt haben, wurden übertrieben, verzerrt und im Laufe des Films relativiert obwohl sie wichtige und nachvollziehbare Thematiken und Standpunkte angesprochen haben. Der Fokus auf Frauen und vielseitige Arten von Erleben ist spitze, aber es rutscht durch diese Eindimensionalität in einen unreflektierten Feminismus ab, der zu überzeugen versucht anstatt Tatsachen darzustellen.

Der Film ist aber auch keine Doku oder Reportage, daher auch super ok und legitim die eigenen Anliegen in der Vordergrund zu rücken, obwohl da sicher noch mehr Potential und Spielraum nach oben gewesen wäre.

 

TOTTUMISKYSYMYS/Force of Habit

 

Kirsikka Saari, Elli Toivoniemi, Anna Paavilainen, Alli Haapasalo, Reetta Aalto, Jenni Toivoniemi, Miia Tervo
Finnland 2019
79 Minuten
Finnisch
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