Crossing Europe 2020: Punks / Rotjochies

Wenn Eltern nicht mehr weiter wissen bekommen sie Unterstützung vom Sozialsystem. Wenn auch dieses mit seinem Latein am Ende ist, ist oft der Jugendstrafvollzug der einzige folgende Schritt. Maasja Ooms zeigt in ihrer Dokumentation „Punks“ eine Alternative zur Haft. Und lässt uns in die Gefühlswelt der Jugendlichen eintauchen. 

Die niederländische Filmemacherin Maasja Ooms ist für ihre Dokumentationen bereits mehrfach ausgezeichnet worden, mit ihrem neuen Werk „Punks“ wäre sie heuer beim Crossing Europe zu Gast gewesen. „Punks“ ist ein Film über niederländische männliche Jugendliche, welche mit ihrem kreativen Verhalten Eltern und Sozialsystem an die Grenzen brachten. Sämtliche Sozialisierungsprozesse sind bereits gescheitert und die Jungs stehen bereits mit einem Bein im Jugendstrafvollzug. Als letzte Chance bekommen die Jugendlichen die Möglichkeit, auf einem abgelegenen Bauernhof in Frankreich gemeinsam mit einer Sozialarbeiterin zu leben. Die Dokumentation zeigt die Jugendlichen bei den Renovierungsarbeiten des Bauernhofes und in Interaktion untereinander, mit der Betreuerin und den Eltern. Hauptsächlich geht es in den Interaktionen mit der Sozialarbeiterin, erlernte Verhaltensmuster zu hinterfragen und reflektieren, um neue Copingstrategien zu entwickeln. In der Dokumentation wird klar, dass hinter einem bestimmten Verhalten immer eine gewisse Vorgeschichte steht und diese meist den Jugendlichen in seiner Vergangenheit in irgendeiner Form verletzt hat.

Die Dokumentation greift auch die gängige Hypothese in der Sozialarbeit auf, dass Täter vorher auch Opfer waren. Dies kommt mit jedem Gespräch mit der Sozialarbeiterin immer mehr zum Vorschein. Mit der Hilfe der offenen, aber kompromisslosen Sozialarbeiterin werden die Ängste, Aggressionen und Frustrationen von den Jugendlichen bearbeitet. Zusätzlich zu den Interaktionen mit der Sozialarbeiterin sorgt auch die Tagesstruktur am Hof (Renovierungsarbeiten, Versorgung der Tiere, …) für einen gewissen Halt und erweitert das Verantwortungsgefühl der Jugendlichen. Zu den allgemeinen Problemen kommen auch Konflikte, die im Zusammenleben entstehen und erschweren einen gesunden Nachreifungsprozess. Die Dokumentation zeigt mit welchen „Monstern“ diese stigmatisierten Jugendlichen zu kämpfen haben und bringt einen realistischen Einblick in die Arbeit mit „Systemsprengern“.

Mein Blickwinkel auf diesen Film ist voreingenommen durch meine Profession als Sozialarbeiterin und mein gewähltes Handlungsfeld Straffälligkeit. Deswegen galt meine Empathie nicht nur den Kids, sondern vor allem der Sozialarbeiterin. So einige Sätze, Interventionen haben mich an meine tägliche Arbeit erinnert und auch die Geschichten hinter den einzelnen Personen tauchen in abgewandelter Form auch immer wieder in meiner Tätigkeit auf. Somit kann ich aus erster Hand bestätigen, dass die Dokumentation einen realen Einblick in das Leben der Jugendlichen und der Betreuerin gibt.

Für mich ist es ein besonderes Anliegen, die Stigmatisierung von Personen, die es aus gewissen Gründen nicht schaffen sich in das System einzuordnen, zu bekämpfen. Statt Ausgrenzung ist es wichtig die Sorgen dieser Menschen zu hören und ihnen ein Werkzeug zu geben, um eine Strategie zu finden, damit sie wieder ein Teil der Gesellschaft werden können. Deswegen kann ich eine (filmische) Auseinandersetzung mit diesem Thema nur empfehlen – und der Film von Maasja Ooms ist dafür ein guter Einstieg.

CROSSING EUROPE EXTRACTS: VoD
Punk / Rotjochies
Maasja Ooms
Niederlande 2019
90 Minuten
Niederländisch
OmeU
www.crossingeurope.at

Unter dem Titel „Crossing Europe: Extracts“ bietet das Crossing Europe Filmfestival Linz ausgewählte Filme des heurigen Festivalprogrammes online „on demand“ an. In Kooperation mit flimmit und Kino VOD CLUB.

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Konzerte - Filme - Bücher - Musik - Kunst // Sozialarbeiterin - Veranstalterin - Redakteurin - Fotografin

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