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Susanne Heinrich: „Der Auswertungsgedanke greift die Kunstfreiheit an“

„Eine junge Frau wird zur Symptomträgerin einer Gesellschaft, die ihre Glücksversprechen nicht einlöst“, heißt es in der Jury-Begründung zu „Das melancholische Mädchen“. Der Film wurde in diesem Jahr mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet und ist derzeit im Programm des Crossing Europe Filmfestivals. Regisseurin Susanne Heinrich hat mit subtext.at über politische Aussagen des Films, ihr Regiestudium und gesellschaftliche Prozesse innerhalb der Filmwelt gesprochen.

subtext.at: „Das melancholische Mädchen“, das derzeit auf dem Crossing Europe Filmfestival gezeigt wird, ist Ihr Spielfilmdebüt. War das ein Wunsch, der schon länger im Raum stand? Wie ist die Idee dazu entstanden?
Susanne Heinrich: Der Wunsch, einen Film zu machen oder diesen speziellen?

subtext.at: Den Wunsch, einen Film zu machen.
Susanne Heinrich: Das ist eher so gekommen. Ich habe früher Bücher geschrieben und veröffentlicht, hatte dann eine lange Schreibkrise. Und da ich nichts anderes kann und immer künstlerisch gearbeitet habe, auch eine Zeit lang Theater gespielt habe, in verschiedenen Bands gesungen habe und eben Bücher geschrieben habe, und nur eine abgebrochene Schriftsteller*innenausbildung am Literaturinstitut hatte, war irgendwie klar: das ist meine Art, mit der Welt in Kontakt zu treten, Kunst zu machen. Schreiben geht gerade nicht mehr. Und deswegen dachte ich, ich kann mich über den Umweg Bild vielleicht wieder zum Schreiben tricksen. Und habe mich dann sehr kurzfristig an der DFFB (Deutsche Film- und Fernsehakademie) für ein Filmregiestudium beworben. Auch so ein bisschen inspiriert von der Begegnung mit einem Regisseur, der mich bei einer Lesung angesprochen hat und gefragt hat, ob wir eines meiner Bücher in ein Drehbuch umarbeiten wollen. Diese Arbeit an dem Drehbuch hat sich angefühlt als würde ich das Buch in seine eigentliche Form rückübersetzen, als hätte ich einen Film im Kopf gehabt. Und da habe ich gedacht: okay, ich muss das irgendwie mal verfolgen. An der DFFB habe ich meine allerersten Filme gemacht, ich bin völlig ohne Erfahrung da hineingegangen.

subtext.at: Hat es dann geklappt, über den Film wieder zum Schreiben zu kommen?
Susanne Heinrich: Es ist auf jeden Fall ein anderes Schreiben. Ich habe eben das Drehbuch für „Das melancholische Mädchen“ geschrieben. Das war für mich schon ein Durchbruch, dass das plötzlich wieder ging. Ich war sehr lange auch genervt und gelangweilt von meiner eigenen literarischen Stimme. Als das Drehbuch dann innerhalb weniger Tage entstanden ist, hatte ich schon das Gefühl: Das ist jetzt eine ganz neue, ganz andere Stimme, mit der ich mich gut arrangieren kann. Insofern hat das auf jeden Fall geklappt, dass ich zurück zum Schreiben gefunden habe. Darüber hinaus bin ich aus Versehen durch die Arbeit am Film zur Regisseurin geworden und fühle mich darin jetzt irgendwie auch sehr zu Hause, weil es alles zusammenfügt, was ich schon immer gemacht habe, also Musik, Literatur und viele andere Elemente. Das Medium kann viel. Damit will ich gerne weitermachen.

subtext.at: Wie war es für Sie, sowohl das Drehbuch zu schreiben als auch Regie zu führen?
Susanne Heinrich: Es war ja nicht parallel, sondern hintereinander. Das ist im Autor*innenfilm nicht unüblich und hat sich für mich total logisch angefühlt. Das Buch war für mich die wichtigste Säule des Films. Die ganze filmische Ästhetik hat sich daraus entfaltet. Ich gehe nicht davon aus, dass es bei diesem Film eine Trennung zwischen Inhalt und Form gibt, sondern dass die Ästhetik, die wir da herausgearbeitet haben, Teil von dem ist, worum es geht. Das ist Teil von dem, was der Film sagen will. Wir haben uns wie Forscher*innen an dieses Drehbuch gesetzt und gefragt: Wie kann man jetzt diese Dialoge eigentlich sprechen? Oder: Wie wollen diese Räume, die da gebaut werden, gefilmt werden? So hat sich das nach und nach entfaltet. Regie führen ist ganz vielfältig. Das ist nicht nur am Set stehen und Leute anleiten, für mich geht es vor allem um Verantwortung übernehmen, natürlich auch für ein Set und was an dem Set passiert. Ich habe das Bild, das man einen Raum eröffnet und Menschen zusammenbringt, die etwas miteinander entwerfen. Aber es geht auch darum Verantwortung zu übernehmen für das, was am Ende herauskommt. Das ist etwas, das mir Spaß macht und wovon ich etwas bekomme.

subtext.at: Sie haben ja bereits Ihr Regiestudium erwähnt. Inwiefern prägt das Ihre Arbeit? Sehen Sie Theorie eher als einen Anhaltspunkt für die Praxis oder als Wissen, um mit Konventionen erst brechen zu können?
Susanne Heinrich: Ich glaube was schon nutzen kann, ist das Handwerk zu lernen. So den Unterschied zwischen Tages-, und Kunstlicht, so ganz praktische Dinge. Ich glaube ganz viel, was man darüber hinaus an Filmhochschulen lernt, sind eigentlich filmische Konventionen, die man meiner Meinung nach überhaupt nicht lernen müsste. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass es etwas bringt die zu lernen, um sie zu brechen. Ich habe eher das Gefühl, da werden Sachen reproduziert, die in Deutschland zum Beispiel dazu führen, dass die ganze Zeit mittelmäßige Filme entstehen. Mein Studium war für mich vor allem eine Politisierung, weil ich sehr aktiv in unserem studentischen Aufstand war als es um die Neubesetzung des Direktorats ging. Es ging darum, welche Art von Typ da kommt. Wird die Filmhochschule immer stärker als Betrieb betrachtet, der gemanagt wird, oder bekommen wir eine künstlerische Leitung, was wir uns gewünscht haben? Das ging parallel mit meiner Beschäftigung mit Philosophie und Theorie, die auch nicht an der DFFB stattgefunden hat, weil da gibt es keinen Diskurs, was ich sehr schade finde. Der Einblick hat mich zusammen mit der ganzen theoretischen Beschäftigung dahin geführt, wo ich jetzt so meine gedankliche Heimat sehe, nämlich in einer materialistischen feministischen Kapitalismuskritik. Das ist am Ende das, was das Studium gemacht hat, aber eben auf Umwegen, also nicht durch die Seminare als solches, sondern durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem, was die Schule war, und was sie hätte sein können. Und ich habe eine Reihe von Leuten gefunden, mit denen ich weiterarbeiten will, was sehr viel wert ist. Ich glaube, dass an Filmhochschulen sehr viel mehr unabhängiges Denken und Wagemut unterrichtet werden sollten, sofern das möglich ist. Ich glaube diese Einführung in filmische Konventionen und Marktlogiken mit Zusätzen wie „Das ist da draußen so. Das muss man so machen“, das geht glaube ich in die vollkommen falsche Richtung. Wenn der Auswertungsgedanke nicht mehr am Ende eines Werkes steht, sondern in alles hineinregiert, greift das die Kunstfreiheit in ihrer Wurzel an. Das führt dazu, dass sehr viele mittelmäßige Filme entstehen. Ich wünsche mir, dass ganz andere Dinge unterrichtet werden an Filmhochschulen, zum Beispiel Politik und Philosophie.

subtext.at: Stichwörter Kapitalismus und Feminismus- Sollten feministische Bewegungen Ihrer Meinung nach zwangsläufig antikapitalistisch orientiert sein?
Susanne Heinrich: Von meiner Position aus ja, weil ich glaube, dass es keine Befreiung der Frau oder eines unterdrückten Subjekts innerhalb des Kapitalismus gibt. Und ich beobachte mit Sorge auch, wie sehr queere, junge Kultur anschlussfähig an neoliberale Logiken ist. Ich sympathisiere da eher mit der neuen Frauen*bewegung, weil ich das Gefühl habe, dass ganz viele Fragen, die damals gestellt wurden, zum Beispiel wie man als Mutter seine Würde in der Gesellschaft bewahren kann und nicht auf dem Abstellgleis landet oder wie man Arbeit und Reproduktion zusammenbekommt, ganz entscheidend und noch nicht geklärt sind. Für mich ist Sorgearbeit ein absolutes Schlüsselthema. Ich glaube, dass feministische Bewegungen, die sich anschlussfähig machen an diese neoliberalen Logiken, einen Ausverkauf feministischer Inhalte betreiben. Ich vermisse bei diesem individuellen Empowerment-Gedanken auch sehr stark Gedanken über Solidarität. Ich finde es wichtig, die Verantwortung nicht die ganze Zeit dem armen Individuum zuzuschieben, zu sagen: „Jede*r muss sich selbst befreien oder selbst seine Entscheidungen treffen“, sondern immer wieder den Blick auf Strukturen zu richten. Das ist auf jeden Fall nicht getan mit Sprachpolitik – Sprachpolitik ist auch wichtig, aber Gesellschaftskritik ist fundamental. Und ich glaube ohne eine Überwindung des Kapitalismus kommen wir überhaupt nicht weit mit dieser Befreiung. Darin gibt es nur eine negative Befreiung, also eine falsch verstandene Freiheit des Liberalen und völlig vereinzelten Individuums.

subtext.at: In der Festivalzeitung des Crossing Europe Filmfestivals ist von ironischen Sprach- und Denkduellen sowie von einem „Umherstreifen zwischen Fragen nach kapitalistischer Existenz und feministischen Hoffnungen“ die Rede. Wie gefällt Ihnen selbst diese Beschreibung?
Susanne Heinrich: Ich kann mit einigen Begriffen auf jeden Fall etwas anfangen, zum Beispiel mit diesem Umherstreifen. Das ist schon eine Bewegung, die das trifft, was der Film macht. Ich weiß nicht, inwieweit ich mit dem Begriff „Ironie“ komme. Vielleicht ist das auch eine Definitionsfrage. Natürlich arbeitet der Film viel mit Ironie, aber eben auch mit Persiflage, Humor und all diese Dinge sind nur Instrumente, um eine andere Wirkungsweise zu erreichen. Für mich klingt das manchmal so als könnte der Film auch insgesamt zynisch sein. Das ist er für mich gar nicht. Für mich wird unser neoliberales Everyday life so überzeichnet, dass wir es komisch finden können.

Sprach- und Denkduelle sind auch im Film, es sind aber auch viele andere Elemente enthalten. Ich würde nicht die Sprache als eine Ebene herausheben. Für mich ist der Film schon als ein Gesamtkunstwerk im Brecht’schen Sinn gedacht, nämlich dass alle Elemente dauerhaft in einem Dialog miteinander sind, die Musik, die Farben, die Glätte des Bildes, die Kostüme, der Text, die Körper der Darsteller*innen. Es gibt für mich nicht eine Textebene und eine Verpackung, das ist eine Einheit. Die Politik liegt in dieser Gesamtästhetik.

subtext.at: Glück ist etwas, das in Ihrem Film trotz sämtlicher gesellschaftlicher Versprechungen schwer zu erreichen ist. Woran liegt das? Halten Sie das für übertragbar auf die Welt abseits des Films?
Susanne Heinrich: Der Film erzählt ja, dass es innerhalb dieser Filmwelt keine Freiheit oder kein Glück geben kann, also in dieser erzählten Welt. Es geht in diesem Film um typische neoliberale Szenarien in unserer Gesellschaft. Im Grunde sagt der Film: Innerhalb dieser gezeigten Welt gibt es kein Entkommen. Das vermittelt sich zum Beispiel an der Art, wie wir die Räume gefilmt haben, dass es keine Perspektiven gibt, keine Fluchten, keine Fenster, keinen Ausblick.

Ich persönlich glaube das auch, dass es innerhalb dieses Systems auf jeden Fall schwierig ist, frei zu sein. Ich glaube in den Lücken, die uns das System lässt, liegt viel Potential. Ich habe keinen fatalistischen oder marxistischen Blick wie „Die Revolution findet zu einem bestimmten Zeitpunkt statt. Danach wird alles besser, bis dahin ist alles schlimm“. Ich habe da eher so einen Ansatz wie Gustav Landauer von den Anarchist*innen, der gesagt hat: „Revolution ist kein Zeitpunkt, sondern eine Handlungsweise“. Sich in allen möglichen Situationen die Lücken und die Leerstellen zu erobern, da das System immer wieder zu hacken.

subtext.at: Den Film „Das melancholische Mädchen“ sehen Sie wahrscheinlich auch als gesellschaftskritisches Statement?
Susanne Heinrich: Es ist viel mehr als das. Wenn ich ein Pamphlet hätte schreiben wollen, hätte ich eines geschrieben. Aber ich habe einen Film gemacht und ich finde es ganz wichtig, dass Kunstwerke nicht Träger von Ideologien werden, in welchem Sinn auch immer. Ich finde jede Art von Instrumentalisierung von Kunst schwierig. Gleichzeitig ist ein bestimmter aktivistischer Anteil in meiner Kunst nicht zu leugnen, weil ich bestimmte Überzeugungen habe, die sich einschreiben in das, was ich mache. Das lässt sich nicht klar trennen, der politische Aktivismus und die Kunst, die ich mache. Kunst findet in Graubereichen statt. Das heißt überhaupt nicht, dass sie keine politische Verantwortung hat. Argumente wie „Kunst darf alles“ finde ich schwierig, vor allem wenn es um die Reproduktion von bekloppten Geschlechterbildern geht.

Der Film ist auch uneindeutiger als Gesellschaftskritik. Die Figur des melancholischen Mädchens ist ja keine feministische Heldin oder so. Man kann auch an ihr als Figur ganz viel kritisch finden. Aber hoffentlich ist es ein Film, der Dinge adressierbar macht, und eine Sprache und Ästhetik findet für ein Unwohlsein, das ganz viele teilen. Damit vielleicht auch kritisches Denken möglich macht, indem er Dinge ansprechbar macht. Er thematisiert zum Beispiel eine andere Fassung des Depressionsbegriffes. Es gibt ja diese dominante Lesart als Krankheit eines Individuums, dann gibt es dieses psychoanalytische Sprechen, wo man in die Kindheit zurückgehen und das alles psychologisch erklären kann. Und ich bin sehr spät über eine Reihe von feministischen Künstler*innen gestoßen, die sich mit der Politisierung von negativen Gefühlen beschäftigt haben. Das fand ich total spannend, überhaupt mal zu denken: Ich könnte Depressionen nicht nur als individuelle Leidensgeschichte eines dysfunktionalen Subjekts lesen, sondern auch als ein Symptom für kranke Strukturen in der Gesellschaft, weil es ist schon auffällig, dass es so viele in der Bevölkerung haben. Warum kann man das nicht als gesellschaftliches Problem taggen? In der DDR gab es einen anderen Begriff von solchen Krankheiten. Da geht es in Texten immer wieder darum, dass Depressionen auf ein Versagen des Staates hindeuten, das kreative Potential seiner Bürger*innen abzuschöpfen.

Ein anderer Umstand, der vielleicht adressierbar wird, ist ein Ausverkauf des Feminismus innerhalb neoliberaler Logiken. Was vielleicht auch ansprechbar wird sind so Dinge, die viele fühlen, aber nicht in Worte fassen können. Irgendwie fühlt sich alles ein bisschen gleich an, diese Langeweile und Ereignislosigkeit, was auch so ein Phänomen der Postmoderne ist. Dieses Gefühl, da ist nicht so richtig ein Unterschied, ob ich jetzt etwas esse oder mit jemandem schlafe. Auch die Männer* in dem Film unterscheiden sich wenig. Da blättert man vielleicht durch den Dialog und da gibt es verschiedene Ausformungen.  Es gibt Wiederholungen, keine wirklichen Begegnungen mehr, ein aneinander vorbei Monologisieren und Werbung machen für den Lifestyle, den man gerade gefunden hat für sich, sich im Modus der Werbung zu begegnen, ständig etwas verkaufen zu wollen, sich oder eben den Stein der Weisen.

subtext.at: Gibt es bereits Pläne für weitere Vorführungen?
Susanne Heinrich: Es gibt noch zwei Vorführungen in Wien im Rahmen des Crossing Europe und soll danach auch im Kino laufen in Österreich. In Deutschland kommt er im Sommer ins Kino, in zwei Monaten.

subtext.at: Abschließend: Arbeiten Sie schon an dem nächsten Film oder steht jetzt wieder die Literatur mehr im Vordergrund?
Susanne Heinrich: So belletristisch schreiben packe ich irgendwie immer noch nicht, obwohl es mich reizt. Es gibt aber eine neue Filmidee seit Kurzem. Und ich entwickle da gerade etwas zusammen mit einem Freund, einem Zukunftsphilosophen, und wir sind seit eineinhalb Jahren am Recherchieren. Wir werden jetzt mal schauen, wie wir mit den Fördersystemen klar kommen, die immer spezielle Sachen von einem wollen, zum Beispiel Figurenbeschreibungen und Plot, was auf jeden Fall lustig wird, weil es auch im nächsten Film keine psychologischen Figuren und kein klassisches Narrativ geben wird.

Susanne Heinrich (*1985) ist Schriftstellerin und Regisseurin. „Das melancholische Mädchen“ ist ihr erster Spielfilm.

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Katharina ist Soziologin und Sozialforscherin (P und P Sozialforschung). Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) oder freier Mitarbeit bei Redaktionen. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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