Crossing Europe 2022: Para:dies

CROSSING EUROPE 2022: Para:dies

Sich sicher wiegen können, ohne sich jedoch jemals wirklich sicher zu fühlen. Ein Film über die Beziehung zweier Menschen, zwischen Selbsthass und Selbstverwirklichung, über Privilegien, queere Identitäten, Attachment-Styles, die Liebe und das Leben, das alles untermalt mit viel Humor und einem Haufen Anglizismen. 

Para:dies ist ein Film aus dem Jahr 2021 unter der Regie und Feder von Elena Wolff, produziert in Co-Regie von Julia Windischbauer, die beiden sind auch gleichzeitig die Hauptdarsteller:innen, in weiteren Rollen sind Selina Graf und Melanie Sidhu. Die Dokumentarfilmerin Amira begleitet Jasmin (Windischbauer) und Lee (Wolff) mit ihrer Kamera während ihres gemeinsamen Sommerurlaubs am Land im Haus von Lees Mutter.

Filmisch, ist der erste größere Teil des Films aufgebaut wie eine Dokumentation, besteht aus gemeinsamen Aufnahmen von Lee und Jasmin während ihres gemeinsamen Tagesablaufs und aus Interviews sowohl zu zweit als auch einzeln. Die erste Szene beginnt mit den beiden auf der Couch, wie sie ihre Kennenlerngeschichte erzählen. In dieser ersten Einstellung sind sie noch räumlich sehr nah beieinander, lachen viel, erzählen von ihren Begegnungen. Ungefähr im letzten Drittel des Films bitten die beiden Amira, auch auf die Couch zu kommen. In dieser Einstellung sitzen Lee und Jasmin räumlich weiter weg voneinander, schauen sich kaum noch an, da sich über den Sommer viele Facetten ihrer Beziehung, in Verbindung mit der Doku entfaltet haben. In dem Moment als sich Amira auf die Couch setzt, endet auch das Dokumentationsformat. Nicht sofort, da die Kamera noch statisch ist, aber ab der nächsten Szene wird der Film sehr viel kinematischer und künstlerischer. Die nächste Szene ist eine Sexszene von Lee, Jasmin und Amira. Die Bilder sind in Licht getaucht, mit Musik untermalt, idolisiert, im Gegensatz zu dem ertappenden, aufdeckenden Bild des Dokuformats wirkt die Szene wie eine Traumsequenz.

Jasmin und Lee ziehen über den Sommer in das Haus von Lees Mutter aufs Land in der Nähe von Salzburg. Die beiden Studierenden schnuppern in das Landleben, ob sie sich vorstellen können dort zu leben. Wie würde so ein Landleben aussehen, das Leben am Land, welches für heteronormative Paare oft das Ziel ist, wieder zurück ins Dorf, wo man sich wohlfühlt, nachdem man sich in der Stadt ausgelebt hat. Als queere Personen ist das Dorf und das Land jedoch meist keine sichere Idylle und kein Weg zurück zur Geborgenheit. Selbst wenn queere Personen sich das zurückgezogene Leben wünschen, bleibt es ihnen oft verwehrt und generell schwebt über dem Dorf ein gewisses alteingesessenes Stigma, im Gegensatz zur Stadt, wo es Räume und Gleichgesinnte gibt. Zurück, oder generell, aufs Land zu ziehen ist auch mit finanziellen Privilegien verbunden. Jasmin und Lee kommen beide aus der sicheren Mittelschicht. Es ist ihnen finanziell möglich studieren zu gehen, wegzuziehen, und im Sommer Urlaub im Haus der Eltern zu machen ohne sich große Sorgen um Klassenfragen machen zu müssen. Trotzdem sind sie nicht rundum privilegiert, aufgrund ihrer Geschlechteridentität, ihrer Sexualität, ihrer mentalen Gesundheit. Die Fragen um Privilegien, Klasse und Diskriminierung sind Themen, mit denen der Film spielt, sowie Identitätsfragen, mit welchen queeren Personen generell zu kämpfen haben. Sich sicher wiegen können, ohne sich jedoch jemals wirklich sicher zu fühlen.

Der Film kreist jedoch nicht nur um diese größere Frage nach Klassenprivileg und queerem Identitätsgewinn und -verlust, sondern beschäftigt sich vor allem mit der Beziehung der beiden zueinander. Einer der ersten Ausgangspunkte für den Film war eine Beziehung anhand zweier Attachment Styles zu erzählen, wie Elena Wolff in einem Interview mit Susanne Braun im Rahmen des Filmfestivals Max Ophüls Preis 2022 erzählt.

Elena Wolff bedient sich dabei der Attachment Theorie (ursprünglich von dem Psychiater John Bowlby formuliert) und beschreibt die Dynamik der beiden Hauptdarsteller:innen so, dass Jasmin den Anxious-Attachment-Style widerspiegelt und Lee den Avoidant-Attachment-Style. Anxiously-attached Menschen neigen dazu sich in die Beziehung zu stürzen, ihre Identität anhand der Beziehung auszumachen, ständig Angst zu haben nicht genug zu sein und immer glauben mehr investiert zu sein und die Beziehung über alles stellen. Im Gegensatz dazu neigen avoidant-attached Menschen dazu über-unabhängig zu sein, sie haben meist schon als Kind gelernt sich nur auf sich selbst zu verlassen, und sind in Beziehungen oft eher kühl und versuchen echter Nähe auszuweichen, fühlen sich schnell beengt und ihrer Freiheit beraubt. In Attachment Style Theorie wird gesagt, dass es nicht unüblich ist, dass anxious-attached und avoidant-attached Menschen immer aneinander treffen, da für die anxious Person die avoidant Person sowas wie die vertraute Unsicherheit darstellt, und fast niemand außer eine anxious Person so lange mit der ständigen Kühle der avoidant Person mithalten würde. Der Film stellt dar, wie sich Menschen oft genau die Leute suchen, die schlecht für einen sind, vielleicht weil mensch glaubt selbst nicht genug zu sein, oder nie so etwas wie eine Komfortzone erfahren hat und nicht glaubt Liebe zu verdienen oder annehmen zu können, oder oft weiß mensch es garnicht und mensch sucht sich trotzdem immer wieder die Leute die einen kaputt machen, anstatt aufzubauen.

Im Laufe des Sommers entfaltet sich vor laufender Kamera, wie Lee und Jasmin über ihre Beziehung sprechen. Lee redet meistens nur von sich, Jasmin meist nur von der Beziehung. Während des Dokudrehs kommen sich Jasmin und Amira näher und die beiden fahren dann am Ende des Films gemeinsam weg von Lee. Es ist jedoch kein Happy End, wo am Ende doch die richtigen zusammenkommen, es ist wie ein Entfliehen aus dem Entfliehen. Mit der Musikzeile “I’ll never be the perfect girl that you want me to be” endet der Film. Das perfekte Mädchen, die perfekte Person, die die andere Person will das mensch ist aber die mensch auch selber sein will. Die Beziehung von Jasmin und Lee ist selten ernsthaft zärtlich, sie ist geprägt von Selbsthass, der noch stärker wird in der Anwesenheit der jeweils anderen Person. Jasmin glaubt sich aufzuopfern für ihre Beziehung, doch ist so voller Opfergedanken, dass sie meistens doch nur an sich denkt, und Lee angeblich auch regelmäßig betrügt. Lee nörgelt über die romantische Vorstellung Jasmins sich gegenseitig retten zu wollen, über their Beziehungen zu their Vater und wie they immer allein gelassen wurde und jede:r muss für sich selbst klarkommen, und spielt Jasmins Liebe, oder das was sie für Liebe hält, konstant runter. Zwischen den beiden herrscht eine konstante Spannung, es scheint kein durchschnaufen zu geben, der dokumentarische Blick der Kamera lässt eine gewisse Verletzlichkeit und Ertapptheit zu, wirft einen scheinbar ungefilterten Blick auf ihre Beziehung, der alle Facetten offenbart und die Toxizität offenlegt.

Doch auch wenn der Film sich mit vielen ernsten Themen auseinandersetzt, ohne diese explizit anzusprechen, sondern sie explizit zu zeigen, zu inszenieren, ist es dennoch auch ein humoristisches Glanzstück. Der Humor der Filmemacher:innen und die Chemie zwischen den Darstellenden rundet das ganze Werk so ab, dass es nicht nur eine ernste, nachdenkliche Zeit im Kino ist, sondern auch ein humorvoller, entertaining Aufenthalt.

Julia Windischbauer, Jasmin hat für diesen Film den Schauspielpreis der Diagonale erhalten. Den Preis verlieh Marie Kreutzer, welche in ihrer Verkündung allen filmschaffenden Frauen und nicht binären Menschen für ihr Schaffen dankte. Die Wichtigkeit der Repräsentation und Innovation von Frauen, nichtbinären Menschen, queeren Beziehungen und Identitäten wurde damit nochmal unterstrichen, so wie der Film es schon untermalt hat.

Crossing Europe 2022: Para:dies

Para:dies

Regie: Elena Wolff
Österreich, 2021
color, 76 Minuten
Deutsch, OmeU

www.crossingeurope.at
www.diagonale.at