Crossing Europe 2021: La Última Primavera/ Last Days of Spring

Fest steht, dass das Slum rund um Cañada Real geräumt werden muss. Die Filmemacherin Isabell Lamberti begleitet eine Familie über den letzten Frühling, bevor ihr Zuhause von Baggern plattgemacht wird.

Entlang der Cañada Real in der Nähe von Madrid wurde in den 1950 Jahren eine illegale slumartige Ansiedelung errichtet. Als Cañada Real versteht man die seit vielen Jahren bestehenden traditionellen kastellanischen Viehtriebstrecken. Diese Slums gelten als die größte informelle Ansiedelung Europas und tausende Menschen nennen es ihr Zuhause. Diese beheimatet Personen, die sich aufgrund von Wirtschaftskrisen und persönlichen Gründen das Leben in Madrid nicht mehr leisten können. Vor allem spanische Binnenmigranten, spanische Roma, die Gitanos, und Immigranten siedelten sich hier an. Nur sehr spärlich sind diese Hütten an das Versorgungsnetz angeschlossen. Seit Jahren fordern die Bewohner*innen die Legalisierung ihres Wohnortes.


In den 90er Jahren gab es rund um Madrid noch weiteres solche „Elendssiedlungen“, welche alle in den frühen 2000 aufgelöst wurden. Die einzige, die noch besteht, ist das Slum von Cañada Real. Die konservative Regionalregierung hat 2011 beschlossen, den Bauungsschutz der königlichen Weidewege aufzuheben. Der nördliche besser entwickelte Teil sollte legalisiert werden und „Sektor 6“, der südliche Teil, soll geräumt werden.

Hier beginnt auch die Geschichte des Filmes. Im Fokus des Filmes steht die Familie Gabarre Mendozas, die ihren letzten Frühling in ihrem gewohnten Umfeld erleben. Der Film von Isabel Lamberti ist eine Art Hybridform zwischen Dokumentation und Fiktion. Die Schauspieler*innen sind auch im echten Leben Teil eines großen Familienbandes, welche auch in den Siedlungen beheimatet sind. Der dokomentative Charakter wird mit kleinen fiktiven Erlebnissen den jeweiligen Familienmitgliedern kombiniert.

Isabell Lamberti gibt uns einen Einblick in dieses „Paralelluniversum“, wo eine Familie vor einem großen Verlust steht und die unwillkommene Veränderung den starken Halt in der Familie zum Wackeln bringt. Die Protagonisten erleben eine Art Ohnmacht: sie können in der Situation nichts mehr machen und ihr Tun zeigt keine Wirkung. Einfach so müssen sie die Tatsache hinnehmen, dass ihr Zuhause, welches sie über die Jahre hinweg sehr mühevoll aufgebaut und immer wieder verbessert haben, in den nächsten Monaten platt gemacht wird. Rund herum beginnt bereits die Zerstörung der Hütten und Verabschiedung von liebgewonnen Menschen steht auf der Tagesordnung. Zusätzlich zu der Zukunftsangst gesellen sich noch die „normalen“ familiären Probleme wie die Erziehung der Kinder, Schwangerschaft der Tochter, die Depression der Mutter und die Bewahrung der Ausbildungsplätze der Kinder.


Der Film bringt die Problematik rund um die Ansiedelung von Cañada Real auf die Leinwand und regt somit ein breiteres Publikum an, sich damit zu beschäftigen. Mit der doch sehr nahen Begleitung der Familie in der Zeit bekommt man eine gute Vorstellung, wie es sein kann, wenn man sein Heim auf diese Art und Weise verlassen muss. Auch wenn es für uns nicht vorstellbar ist, in so einer Hütte dauerhaft zu leben, ist es für die Bewohner von Cañada Real ihr Zuhause und bedeutet Geborgenheit und Freiheit. Isabell Laberti vermittelt dies sehr gut und die bereits gewonnen Auszeichnungen sind mehr als verdient.

LA ÚLTIMA PRIMAVERA /Last Days of Spring
Isabel Lamberti
Niederlande / Spanien 2020
77 Minuten
Spanisch
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geschrieben von

Konzerte - Filme - Bücher - Musik - Kunst // Sozialarbeiterin - Veranstalterin - Redakteurin - Fotografin

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